Die Medikation mit Psychopharmaka ist ein heiß diskutiertes und mit vielen Ängsten verbundenes Thema. Ich versuche in meiner Praxis prinzipiell zunächst ohne Medikation zu arbeiten. Durch eine gute Psychotherapie können viele Erkrankungen sehr gut geheilt oder gelindert werden. Als Ärztin weiß ich aber auch, dass bei bestimmten Situationen und Schweregrad einer Erkrankung Psychotherapie allein nicht helfen kann. Aktuelle Studien zeigen z. B., dass eine leichte Depression erfolgreich allein mit Psychotherapie behandelt werden kann. Bei einer mittelgradigen Depression sind Psychotherapie und Antidepressiva gleich wirksam. Die beste Wirkung ergibt sich bei einer Kombination beider.

Schwere Depressionen sind mit Psychotherapie allein in der Regel nicht heilbar, da ein schwer depressiver Mensch von seinen kognitiven Fähigkeiten her oft nicht mehr psychotherapiefähig ist (z. B. durch massive Einengung des Denkens, Konzentrationsstörung, Merkfähigkeit). Zudem bestehen auch oft massive Schlafstörungen und akute Suizidalität. Auch ein extrem hoher innerer Druck/Spannung kann Grund für eine vorübergehende Medikation sein. Unser Gehirn kann nur in einem bestimmten Belastungsbereich Neues lernen (Lernfenster), der weder eine Unterforderung noch eine Überforderung sein darf (ca. Spannungslevel 3 - 7 auf einer Spannungsscala von 0 = völlig ohne Spannung bis 10 = das Maximale, was man sich vorstellen kann).

Einigen psychischen Erkrankungen (z. B. Depression, Angsterkrankungen, Zwänge) liegen Störungen des Neurotransmitterhaushalts (Botenstoffe im Gehirn wie Serotonin, Noradrenalin, Dopamin) teils als deren Ursache, teils als deren Folge neurophysiologische Veränderungen zugrunde. Die in der Psychosomatik eingesetzten Psychopharmaka zielen darauf ab, den gestörten Neurotransmitterhaushalt auszugleichen. Sie können so die Symptome lindern. Eine Heilung ohne Bearbeitung der zugrundeliegenden psychischen Probleme ist allein mit Medikation nicht möglich. Vielmehr kommt es dann häufig zum Wiederkehren der Symptome (Rezidiv).

Aus meiner Praxis weiß ich, dass viele Menschen große Angst vor Psychopharmaka haben. Es gibt diverse (zum Teil auch sehr begründete) Bedenken vor Abhängigkeit, Abgestumpftheit, Nebenwirkungen und vielem mehr. Ich verwende dann zur Erklärung gern folgende Metapher:

Stellen Sie sich vor, ein Mensch schwimmt in einem stürmischen Meer, vielleicht sogar schon sehr lange. Er ist völlig erschöpft und kämpft nur noch darum, seinen Kopf über Wasser zu halten. Es macht keinen Sinn in dieser Situation mit demjenigen zu diskutieren, in welche Richtung er schwimmen soll, damit er die nächste Insel oder gar Festland erreicht. Man gibt ihm erst einmal einen Rettungsring, damit er stabil über Wasser bleibt, Kraft tanken kann und gleichzeitig weiterschwimmt – möglichst natürlich in die richtige Richtung. Eine Medikation ist nichts anderes als dieser Rettungsring. Es nimmt Ihnen nicht die Arbeit des Schwimmens und des Suchens des „richtigen“ Weges ab. Es löst nicht Ihre Probleme. Es unterstützt sie nur. Und – sie verlernen dabei das Schwimmen ohne Rettungsring nicht.

In meiner Praxis verschreibe ich nahezu ausschließlich Medikamente, die nicht abhängig machen. Benzodiazepine (Beruhigungsmittel) und Schlafmittel können Abhängigkeit verursachen. Deshalb verordne ich sie nur im absoluten Notfall. Für alternative Möglichkeiten wie Homöopathie und Phytotherapie bin ich offen, allerdings kenne ich mich hier zu wenig aus und verschreibe sie deshalb nicht selbst.

Lassen Sie sich über die Vor- und Nachteile sowie mögliche Nebenwirkungen in Ihrem individuellen Fall ausführlich beraten. Letztendlich entscheiden Sie selbst, ob und was Sie sich vorstellen können. Bei Patienten, bei denen die Medikation von ärztlichen Kollegen (Psychiater) geleitet wird, begrenze ich mich natürlich auf die Psychotherapie. Bei chronischen und komplexen Schmerzerkrankungen arbeite ich eng mit meinen Kollegen aus dem Regionalen Schmerzzentrum Dresden zusammen.